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Funktionales Sehen und die positiven Effekte

Der neu gestaltete Diagnostikraum im Landesbildungszentrum für Blinde (LBZB) in Hannover bietet durch ein innovatives Beleuchtungskonzept und ein hochentwickeltes Lichtmanagementsystem (LMS) optimale Bedingungen für die diagnostische Abklärung des funktionalen Sehens bei Menschen mit Sehbeeinträchtigungen. Die Kooperation mit Glamox hat dabei eine erstmalige Umsetzung eines derart spezifischen Beleuchtungsprojekts ermöglicht.

Innovatives Beleuchtungskonzept

Im Rahmen der Sanierungsmaßnahmen wurde eine Wand zwischen zwei Räumen entfernt, um ausreichend Platz für die neue Diagnostikfläche zu schaffen. Das Beleuchtungskonzept, das gemeinsam mit Glamox entwickelt wurde, orientiert sich stark an den Vorteilen des Tageslichts. Studien haben gezeigt, dass Tageslichtbedingungen das Fortschreiten von Myopie begrenzen können und generell positive Effekte auf die visuelle und kognitive Leistungsfähigkeit haben (vgl. Friedrich 2019; Werth et al. 2013).

Die Beleuchtung im Diagnostikraum kann bis zu 2400 Lux erreichen, was über den üblichen Beleuchtungsstärken liegt und somit Helligkeits- und Farbkontraste verstärkt, die Ermüdung reduziert und die Aufmerksamkeit verlängert (vgl. van Bommel et al. 2004). Eine erhöhte Beleuchtungsstärke ist insbesondere für ältere Menschen und Personen mit Sehbeeinträchtigungen wichtig, da physiologische Alterungsprozesse und verschiedene Augenerkrankungen eine höhere Lichtmenge erfordern (vgl. Wichmann 2016).

 

Lichtmanagementsystem (LMS): Präzise Steuerung

Das Lichtmanagementsystem (LMS) ermöglicht eine flexible und präzise Steuerung der Beleuchtungsbedingungen. Über ein Tablet können Beleuchtungsstärke und Lichtfarbe individuell angepasst werden, wobei die Steuerung über eine speziell konfigurierte Weboberfläche erfolgt, die über WLAN zugänglich ist. Die Beleuchtungsstärke lässt sich technisch bedingt als prozentualer Dimmwert eingeben und reicht bis zu 2400 Lux, während die Lichtfarbe zwischen 2700 K (warmweiß) und 6500 K (kaltweiß) variieren kann. Diese Anpassungen sind entscheidend, da verschiedene Lichtfarben unterschiedliche visuelle und psychologische Wirkungen haben: Kaltweißes Licht (über 5300 K) steigert die Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit und wird tagsüber als aktivierend empfunden (vgl. Wichmann 2016).

 

Darstellung auf dem Tablet zur Anwahl der Verdunkelung oder der Beleuchtung Quelle: Landesbildungszentrum für BlindeDarstellung auf dem Tablet zur Anwahl der Verdunkelung oder der Beleuchtung
Quelle: Landesbildungszentrum für Blinde (LBZB)

 

Positive Effekte der optimierten Beleuchtung

Die individuelle Anpassung der Beleuchtungsbedingungen hat vielfältige positive Effekte. Eine verbesserte Beleuchtungsstärke und optimal abgestimmte Lichtfarbe können die visuelle Wahrnehmung erheblich verbessern, Ermüdung verringern und Kopfschmerzen reduzieren (vgl. van Bommel et al. 2004). Zudem wirkt sich eine angepasste Beleuchtung positiv auf den circadianen Rhythmus aus, indem sie die Melatoninproduktion steuert und somit den Schlaf-Wach-Rhythmus beeinflusst. Dies ist besonders wichtig, da blaues Licht mit hoher Farbtemperatur die Produktion von Melatonin unterdrückt und somit die Wachheit erhöht.

 

Diagnostische Abklärung unter optimierten Bedingungen

Der Diagnostikraum im LBZB erlaubt es, die individuellen visuellen und visuell-kognitiven Funktionen der Patienten unter variierenden Lichtbedingungen zu testen. Mithilfe spezifischer Testverfahren, wie dem Preferential Looking oder den Lea-Hyvärinen-Tests, sowie informellen Beobachtungen, können detaillierte Einschätzungen zur Nutzung visueller, auditiver und haptischer Strategien gewonnen werden. Diese Erkenntnisse sind essenziell für die Entwicklung individueller Fördermaßnahmen und die Anpassung der Umgebung an die Bedürfnisse der Patienten.

 

imagef63q4m.pngDarstellung des Diagnostikraums mit Prüfgeräten zur Visusermittlung
Quelle: Landesbildungszentrum für Blinde

 

Durch die Möglichkeit, Beleuchtungsbedingungen individuell anzupassen, können im LBZB auch spezifische Sehfunktionen, wie die Kontrastsensitivität, unter verschiedenen Lichtverhältnissen getestet werden. Dies erlaubt es, gezielte Empfehlungen für die Beleuchtung am Arbeitsplatz oder in Bildungsumgebungen zu geben, um die Teilhabe und Leistungsfähigkeit der Betroffenen zu verbessern.

Insgesamt zeigt die Umsetzung dieses Beleuchtungskonzepts im LBZB, wie bedeutend eine optimierte künstliche Beleuchtung für die Diagnostik und Förderung von Menschen mit Sehbeeinträchtigungen sein kann.

 

Weitere Details und die vollständige Ausarbeitung finden sich im Originalbeitrag von Claas Proske (blind-sehbehindert, 144. Jahrgang, Ausgabe 02/2024, Seite 97-102).